Sonnenstern Kenna

Weder in der Mitte noch am Rande sondern zwischen der Mitte und dem Rande stehen unter anderem zwei Birken. Sie sind schon größer als das größte Haus, welches in dieser kleinen Stadt steht. Nur der Turm der Kirche überragt die Birken.

Eine Lorbeerhecke trennt die beiden Stämme voneinander. In der Lorbeerhecke bauen sich jedes Jahr Rotkehlchen ihre Nester und die Spinnen spannen ihre Netze in den Zweigen der Hecke auf. In den Birken kannst du Nester von den verschiedensten Vogelarten erblicken und kleine Spinnennetze.

Eine Spinne vollbringt ihr Werk am liebsten genau zwischen zwei Zweigen. Dort wo sich ein Zweig der einen mit einem Zweig der anderen Birke fast miteinander berühren. Die Spinne hat sich diesen Platz sicher gewählt, weil sie von hier aus einen weiten Blick in die Umgebung hat. Nur wer möchte diesen Aussichtspunkt mit ihr teilen?

Kenna teilt mit ihr diesen Ausblick. Seit vielen und wirklich vielen Nächten kommt sie zwischen die zwei Birken und schaut nach, ob das Spinnennetz gewebt ist und sie von diesem aus so viele interessante Unterhaltungen, Spiele, Tänze und Gesänge sehen und hören kann.

Eigentlich heißt es konnte, denn im Moment gibt es von all dem nicht so viel zu sehen oder hören. Irgendetwas ist bei den Menschen in dieser kleinen Stadt passiert. Sie gehen sich aus dem Weg und umarmen sich nicht mehr. Es ist auch schon sehr lange her, dass hier ein Lachen gehört wurde.

Begegnen sich noch Suna und Mani oder jetzt nicht mehr?

Noch vor einigen Tagen spielten der Junge Mani und das Mädchen Suna gemeinsam am Ende der Lorbeerhecke , wo sich ihr gemeinsamer Buddelkasten befindet. Diese hatten ihre Eltern gemeinsam mit Ihnen gebaut und mit einer großen Feier wurde er eingeweiht. Auf der anderen Seite von dem Buddelkasten stehen als weitere Hecken noch Sträucher von Brombeeren, Johannisbeeren, und Stachelbeeren. Somit können sich alle, die im Garten und im Buddelkasten sind an den Früchten laben. Mit Alle meine ich natürlich die Menschen und die Tiere. Jeder nimmt sich einfach, was er gerade an Frucht mag.

Suna und Mani laben sich an diesen Früchten während ihres Spieles im Buddelkasten. Hierbei sind Trolle, Feen, Riesen, Hexen, Zauberer und viele andere wunderbare Wesen anwesend. Genau in solche einem ausgelassenen Spiel und Beisammensein geschah nun das Schreckliche.

Die Eltern der beiden Kinder kamen, als die Sonne ihre letzten Strahlen sendete, aus den Häusern heraus und verlangten von Beiden, dass sie sofort auf ihre Zimmer gehen und sich auch nicht zum Abschied, wie sonst, umarmten. Auf der Stelle sollten sie ihren magisch-verzauberten Buddelkasten mit den geformten Burgen, Seen und Wäldern verlassen. So etwas hatte es noch nie gegeben. Jedoch folgten die Kinder ihren Eltern in die Häuser.

Währenddessen warf die Sonne ihre letzten Sonnenstrahlen auf diesen Flecken der Erde und ließ all ihre neun Sonnensternkinder in das Universum hinaus, damit sie Abenteuer erleben konnten. Da Kenna bisher sehr viele Stunden mit Neugier im Spinnennetz verbracht hatte, landete sie in der Abenddämmerung wieder hier und nahm sogleich die sonderbare Stille, welche schwer über dem Buddelkasten lag, wahr.

Das gewohnte Treiben wollte sich an diesem Sommerabend nicht einstellen. Allerdings vernahm sie laute und aufgeregte Stimmen in den Häusern der Kinder. Es knallten, und dies wirklich im selben Moment, die Zimmertüren von Suna und Mani. Das Licht wurde in den Zimmern entfacht und an den Fensterscheiben der beiden Kinderzimmer stupsten sich die Nasen von Beiden an. In den Gesichtern von Suna und Mani konnte Kenna eine Unmenge an Tränen herunterkullern sehen. Die Unendlichkeit war fühlbar, war sichtbar. Es fühlte sich an, als ob jemand den starken Seidenfaden der Freundschaft zerreißen will.

Suna löste sich von der Fensterscheibe, holte ihre Wachsmalstifte und malte damit zwei große rote Herzen  auf einer bunte Wiese und über die Herzen neun bunte Sterne. Beide Herzen verband sie auf diesem Bild mit einem dicken violetten Band. Ihr könnt euch sicher die staunenden und lachenden Augen von Mani und Kenna vorstellen.

Mani klatschte vor Freude in die Hände und rannte zu seinem Spielzeugschrank und begann mit der Suche. Im Zimmer und im Spielzeugschrank von ihm sieht es meistens sehr wild aus und nachdem er nun gefunden hatte, was er suchte, gab es noch mehr drunter und drüber. Langsam erreichte er nach dem Durchdringen der Wildnis in seinem Zimmer das Fenster. Er hatte jetzt keine Zeit zum Aufräumen! Mit seinem Fund, den Fingermalfarben begann er mit der  Antwort auf Sunas Botschaft. Er malte zwei Burgen und hoch über den Burgen sich und seine Freundin auf einem gelben Stern durch das Universum fliegend in der Begleitung von anderen farbigen Sternen.

Sie sah es und nickte ihm zu. Sein Wunsch war sichtbar, dass er mit ihr gemeinsam in die Weite fliegen wollte, damit sie beisammen sein können.

Sie hatte ihn verstanden.

Durch die Schlüssellöcher der Türen kamen die Müdigkeit und die ersten Traumwolken in die Zimmer und Beide winken sich noch einmal zu bevor sie mit glückvollen Bildern in ihren Herzen sich im weichen angenehmen Bett einhüllten.

Mit einer kleinen Träne im rechten Auge saß Kenna im Spinnennetz und fühlte in ihrem kleinen Sonnensternherzen ein Grummeln. Es war ringsherum so unsagbar still, selbst die Vögel ließen ihr Abendkonzert ausfallen und man hätte beinahe die Sterne im Universum bei ihrem Flug hören können.

Am nächsten Morgen durften die Kinder nicht, wie gewohnt, gemeinsam in den Kindergarten gehen und es gingen viele Tage ins Land an welchen sie nur allein mit ihren Eltern im Haus sein durften.  Nur über ihre Bilder an den Fensterscheiben und laute Unterhaltungen von Fenster zu Fenster konnten sie sich miteinander verständigen. Besonders am Abend wollten Suna und Mani sich miteinander unterhalten, singen und lachen. Sie öffneten ihre Fenster und erzählten sich miteinander Märchen und Geschichten, welche sie sich selbst ausdachten. An all diesem hatte auch Kenna ihre Freude. Selbst die Vögel hatten darauf wieder gute Laune und stimmten ihr Abendlied an.

Ihr könnt euch sicher denken, dass es so manchen Erwachsenen gab, dem dies alles viel zu laut war und sie weiterhin neidisch waren, weil die Kinder miteinander lachten und scherzten. So viel Unbekümmertheit behagte den Erwachsenen nicht. Somit nahmen die Eltern ihre Kinder ins Gebet und verboten ihnen die abendlichen Unterhaltungen.

Ihre Fensterbilder wurden auch immer seltener erneuert und wenn sie etwas malten, dann war es meistens dunkel, regnerisch und mit streitenden Menschen. Das Band zwischen den Bildern in den Fensterscheiben wurde immer schwächer und bekam leichte Risse. So entschieden sich Beide für Bilder mit Donner und Blitzen, welche alles erschüttern sollte.  Damit die Angst der Erwachsenen weggespült wird, malten sie Regen und Hagel. Selbst einen Vulkan malte Mani auf seine Fensterscheibe. Und immer wieder erinnerte sich jedes der Kinder für sich an das Bild mit den Burgen, den bunten Sternen und dem gelben Stern auf welchem sie ins Universum flogen.

Könnte Kenna helfen? Bei jedem Wiedersehen mit ihren Geschwistern und der Sonnensternmama erzählte sie bisher von den Geschehnissen in der kleinen Stadt bei Suna und Mani. Alle hörten aufmerksam hin, jedoch hatten die Geschwister so ähnliches gesehen und erfahren. Die neun Sonnensternkinder sahen ihre Mutter mit flehenden großen Augen an. Mit einem beruhigendem Lächeln zauberte die Sonne einen Kristall mit reinem Licht, welches die Farben der Sonnensternkinder inne hatte. Sie erzählte ihren Kindern aus vergangenen Zeiten in denen ähnliche Begebenheiten im Universum und somit auch der Erde geschahen. Immer half das Band zwischen der Herzen der Kinder durch diese Zeiten. Die Erinnerungen und der Glaube an fröhliche Stunden, an Umarmungen und Liebe ließ die Kinder weiter lachen und freimütig sein. Gemeinsam vereinbarten die Sonnensternkinder den Kindern und Erwachsenen diese Begebenheiten zu erzählen.

Auf der Erde brach nun der nächste Abend an und die neun Sonnensternkinder, einschließlich Kenna, machten sich mit einem innigen Gefühl auf den Weg und eilten mit Leichtigkeit und Mut an die unterschiedlichsten Plätze.

Das Spinnennetz zwischen den beiden Birken glänzte golden in der Abendsonne und war somit bereit für Kenna. Mit Geduld schaukelte Kenna hin und her bis sich Stille überall ausbreitete und die beiden Kinder in ihrem Bett eingeschlafen waren. Je einen hellblauer Lichtstrahl landete genau zwischen den Augen der schlafenden Kinder und fanden ihren Weg in die Herzen. Im nächsten Augenblick standen Suna und Mani aus ihren Betten auf, suchten sich schlaftrunken, das bedeutet somit mit geschlossenen Augen,  Mütze, Schal, einen dicken Pullover und dicke Stiefel zum Anziehen.  Der Pullover war somit verkehrt herum angezogen und die Stiefel waren auch von verschiedenen Paaren. Dies war jedoch nicht so wichtig, denn sie hatten das Gefühl, dass sie auf eine wichtige Reise schnell gehen werden. Sie griffen zeitgleich nach ihren Rucksäcken und packten in diesen Naschereien und etwas zu trinken als Proviant. Ihr liebstes Kuscheltier wurde als oberstes in den Rucksack hineingetan und ganz leise schlichen sie sich zum Buddelkasten und umarmten sich herzergreifend. Wie ihr Blick in Richtung Himmel wendete, sahen sie eine goldfarbene Strickleiter, welches von einem goldgelben Stern gehalten wurde. Diese hatte Kenna derweil gestrickt und in dem Spinnennetz zwischen den Birkenzweigen befestigt. Suna ergriff die unterteste Sprosse und stieg von Mani gefolgt hinauf.

„Ich bin Kenna und bin glücklich, dass ihr Beide gekommen seid. Wollt ihr mit mir auf einen Ausflug ins Universum gehen?“ So stellte sich unser gelbes Sonnensternkind vor und die beiden Kinder waren begeistert, dass sich ihr gemeinsamer Traum erfüllen sollte und ließen sich auf Kenna nieder und flogen mit ihr gemeinsam ins Universum. Es schien ihnen, dass der Sternenhimmel in dieser Nacht tausend Sterne am Himmel erleuchten lies. Sie erkannten sogar so manches Sternenbild, wie zum Beispiel den großen Wagen, den Orion, die Schlange, und den Drachen. Oh, sie liebten die Drachen, welche so wunderbare Wesen sind. Nachdem auf Erden gerade ein Augenschlag vorbei bei landete Kenna mit ihren Reisebegleitern auf einem Planeten. Hier landeten sie vor einem Höhleneingang mit einem herrlichen Springbrunnen aus Bergkristall und in dem Brunnen lagen tausend Perlen. Um den Springbrunnen herum sah es aus wie in einem bunten Dschungel mit einer blumenübersäten Wiese.

Nach und nach landeten acht weitere Sterne, ihr wisst ja die Sonnensterngeschwister von Kenna, und brachten auch jeweils zwei Kinder mit. Alle und wirklich alle begrüßten sich mit Umarmungen und stellten sich miteinander vor. Sie ließen sich auf der Wiese nieder und lauschten erst einmal, was die Sonnensternkinder ihnen erzählten. Dies waren alte Märchen und ihre eigenen Erlebnisse von ihren Abenteuern im Universum. Alles war begleitet von Lachen, Berührungen und Fröhlichkeit.

Jedes Kind fühlte sich geborgen und geliebt so wie es ist. Und auf einmal verspürten sie gemeinsam die Lust auf Tanz und Gesang, was sie schon so lange vermissten. Sie tanzten und sangen eine gefühlte Unendlichkeit bis sie wieder zu ihrem Sonnensternkind gingen und sich bei ihm niederließen. Eng umschlungen ruhten sie sich aus und nahmen all die Erlebnisse von dieser Wiese mit dem Dschungel und dem Springbrunnen in ihr Herz.

Sanft nahm Kenna nun Mani und Suna und machte sich auf den Flug zurück in Richtung Erde und Buddelkasten. Wiederum nach einem Augenschlag landeten alle drei und verweilten eine Weile unter den Birken.

Einen Kuss schenkten beide Kinder dem Sonnenstern Kenna und gingen jedes in sein Heim.

Kenna wünschte ihnen eine gute Nacht und viel Glauben an ihr eigenes Glück.

Ja, das hatte Beide. Sie setzten sich einfach an den nächsten Tagen mit ihren Eltern in die Gärten und erzählten diesen Märchen, stellten den Eltern Fragen über Berührung, Spiele und vieles mehr in deren Kindheit. Nach einiger Zeit und durch viel Geduld der Kinder umarmten sie sich wieder bei einer Begrüßung für das gemeinsame Spiel am Buddelkasten und ihre Eltern spielten manches Mal sogar mit.

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